
Die Thüringer Waldzither – Klangtradition aus dem Herzen Deutschlands
Die Thüringer Waldzither ist ein traditionsreiches Saiteninstrument und gilt als eines der bekanntesten Volksinstrumente Deutschlands. Mit ihrem hellen, klaren Klang und ihrer charakteristischen Form ist sie eng mit der Kultur und Musikgeschichte des Thüringer Waldes verbunden.
Ihre Wurzeln reichen weit zurück. Die Thüringer Waldzither gehört zur Familie der Cistern – historischen Halslauten, deren Geschichte in Europa mehrere Jahrhunderte umfasst. Verwandte Instrumente sind unter anderem die irische Bouzouki oder die portugiesische Fado-Gitarre. Damit hat die Waldzither, trotz ihres Namens, nur wenig mit der alpinen Tischzither gemeinsam.
Bereits um 1590 finden sich Spuren ihrer Vorfahren in Mitteldeutschland. Bei Renovierungsarbeiten im Freiberger Dom wurde sogar ein originales Cisterinstrument entdeckt, das als Teil einer Engelsfigur jahrhundertelang verborgen geblieben war. Besonders Bergleute pflegten diese Musiziertradition und trugen sie über Generationen weiter.
Wann genau das Instrument in Thüringen heimisch wurde, lässt sich heute nicht eindeutig bestimmen. Sicher ist jedoch, dass die Tradition tief verwurzelt ist: Schon über seinen Vorfahren Veit Bach schrieb Johann Sebastian Bach, dieser habe „sein meistes Vergnügen an einem Cythringen gehabt“. Direkte Vorläufer der heutigen Waldzither – sogenannte Thüringer Zistern – sind heute unter anderem im Bachhaus Eisenach und in musealen Sammlungen erhalten geblieben.

Die Thüringer Waldzither entwickelte sich vor allem im 18. und 19. Jahrhundert zu einer eigenständigen Bauform. Charakteristisch sind ihr birnenförmiger oder leicht ovaler Korpus, der flache Resonanzkörper und die meist neun Stahlsaiten – vier doppelchörige Saiten sowie eine einzelne Basssaite. Traditionell wird sie akkordisch gespielt und häufig in C-Dur gestimmt. Ihr Klang bewegt sich zwischen Zither, Laute und Mandoline und verbindet melodische Möglichkeiten mit harmonischer Begleitung.
Im 19. Jahrhundert wurde die Waldzither besonders im Thüringer Wald und in Mitteldeutschland gebaut und gespielt. Um 1800 entstanden zahlreiche neunsaitige Instrumente, oft noch mit seitlich verlaufenden Bordunsaiten. Die Spielweise war vor allem akkordisch geprägt und begleitete Lieder, Tänze und gesellige Zusammenkünfte.
Einen besonderen Aufschwung erlebte die Thüringer Waldzither um die Wende zum 20. Jahrhundert. Zwar gewann die Gitarre zunehmend an Popularität, doch gleichzeitig sorgten Jugendbewegungen und Wandervereine für neues Interesse an leicht transportierbaren Volksinstrumenten. In dieser Zeit entwickelte der aus Meiningen stammende Unternehmer C. H. Böhm die sogenannte Böhm- oder Hamburger Waldzither weiter und machte sie industriell verfügbar. Neben den Instrumenten entstanden Lehrbücher und Vereine, wodurch die Waldzither eine bemerkenswerte Verbreitung erlangte. Zeitweise sollen nahezu hunderttausend Instrumente im Umlauf gewesen sein.
Nach einer ruhigeren Phase wurde die Waldzither in den 1970er-Jahren durch das Folkrevival erneut entdeckt. Musikerinnen und Musiker schätzten sie als heimische Alternative zu Gitarre oder Bouzouki und begannen, ihre Möglichkeiten neu auszuloten. Dennoch blieb sie zunächst eher ein Geheimtipp.
Seit den frühen 2000er-Jahren erlebt die Thüringer Waldzither eine neue Renaissance. Waldzithersymposien, Workshops und engagierte Musikerinnen, Musiker und Instrumentenbauer tragen dazu bei, das Instrument wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Dabei wird sowohl traditionell musiziert als auch experimentiert – von Folk und Liedbegleitung bis hin zu Jazz, Bal Folk oder modernen Klangwelten.
Auch der Instrumentenbau entwickelt sich weiter. Neue Modelle mit erweiterten Tonumfängen und unterschiedlichen Stimmungen eröffnen zusätzliche musikalische Möglichkeiten und zeigen, dass die Waldzither keineswegs nur ein historisches Relikt ist.

Heute steht die Thüringer Waldzither gleichermaßen für musikalische Tradition und kreative Erneuerung. Ihr Klang erzählt von Handwerkskunst, Heimatverbundenheit und der Freude am gemeinsamen Musizieren. Zugleich wächst die Anerkennung für dieses besondere Instrument – sogar eine Aufnahme der Waldzithertradition in das immaterielle Kulturerbe wird seit einigen Jahren aktiv verfolgt.
So bleibt die Thüringer Waldzither nicht nur ein Stück regionaler Geschichte, sondern ein lebendiges Symbol der Musiklandschaft des Thüringer Waldes – mit einem Klang, der Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise verbindet.